Kälte- oder Eistherapie

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PROBLEMSTELLUNG

Die Anwendung von Eis in der akuten Phase von Verletzungen und während der Rehabilitation von Sportverletzungen hat sich in den letzten Jahren zu einer gebräuchlichen Behandlungsform etabliert. Nach den ersten Beschreibungen von Hippokrates (460 bis 370 v.Chr.) ist diese Applikation immer wieder erwähnt und als akute Hilfe bei Verletzungen und später auch während der Rehabilitation propagiert worden. Die Anwendung von Eis und deren physiologische Wirkungstützt sich bis heute aber nur auf empirische und klinische Erfahrungswerte.

 Eine triviale Bemerkung zeigt uns, daß über die Applikation von Kälte bzw. Eis kein Konsenz besteht. Auf die Frage : “Wie lange muß eine Eisapplikation in der akuten Phase einer Verletzung dauern ?”, fallen die Antworten aus der Praxis immer sehr ungenau aus und nennen gewöhnlich einen Zeitraum zwischen 10 und 45 Minuten. Gängige Antworten lauten: “Zwischen 10 und 30 Minuten” oder “Ungefähr 15 Minuten”. Auch die Literatur erlaubt keine eindeutigen Aussagen über die Anwendungsdauer von Eisapplikationen.

Warum es schwierig ist, in der Literatur beschriebenen physiologischen

Wirkungen der Eistherapie zu interpretieren und diese der Wirkung der Kälte zuzuschreiben, hat mehrere Ursachen. Die Hauptursachen seien im Folgenden genannt:

 Bei vielen Untersuchungen, die den Auswirkungen einer Eistherapie eine positive physiologische Wirkung bestätigen, sind immer zugleich mehrere Maßnahmen zur Anwendung gekommen (P.E.C.H.  Regel [Pause, Eis, Compression, Hochlage] oder I.C.E.  Regel [Immobilisation, Compression, Elevation]). Dadurch ist es nicht möglich, die ermittelten Ergebnisse ausschließlich auf die Eisapplikation zurückzuführen.

In den Untersuchungen kommen verschiedene Formen der Eisapplikation, die sich enorm voneinander unterscheiden, zur Anwendung. Das Anwendungsspektrum umfaßt Behandlungen durch Eiswasser, Eispacks, Eismassage, Instant Eispacks, Eissprays, Kaltluft, Kälteumschläge etc.. Die Kältereize dieser verschiedenen Anwendungsformen wirken sehr unterschiedlich und weisen im Ausmaß der durch sie hervorgerufenen Kühlung der verletzten Körperpartie Unterschiede von mehr als 25° C auf. Diese Unterschiede sind auch teilweise für die kontroversen Auffassungen in der Literatur verantworlich.

Viele Untersuchungen von klinischer Relevanz begründen die Eistherapie in der akuten Phase einer Verletzung nur mit den Erfahrungswerten von Patienten. Dabei geht es vorrangig um “symptomatische” Effekte, wobei der Schmerz der wichtigste ist. Daß Schmerz für den Patienten sehr bedeutend ist, ist jedem bekannt. Daß aber das Ausschalten für eine optimale Behandlung, für erwünschte physiologische Abläufe sowie für eine optimale Wundheilung kontraproduktiv sein kann, wird scheinbar als unwichtig erachtet, zumindest nicht in jedem Fall berücksichtigt.

 Die Untersuchungen, die in den letzten Jahren über die Anwendung von Eis unter verschiedenen Fragestellungen durchgeführt worden sind, geben kein geschlossenes Meinungsbild über die verschiedenen physiologischen Effekte dieser Behandlungsform ab. Die bereeits genannten Ursachen begründen die bestehenden Diskrepanzen teilweise. Hinzu kommt, daß die vorhandene Literatur im Zusammenhang mit den Kenntnissen über die Physiologie der Wundheilung und Regeneration der Applikation von Eis in der akuten Verletzungsphase keine positiven Wirkungen bescheinigt. Viele Prozesse, die nach einer Verletzung ablaufen, werden durch Kälte negativ beeinflußt. Eine Ausnahme bildet lediglich die Schmerzhemmung für den Patienten. Anhand der Kenntnisse über die physiologische Wirkung von Eis und die Physiologie der Wundheilung möchte ich nachfolgende “Statements” formulieren, diese begründen und zu einer weiteren Diskussion anregen:

 In der akuten Phase einer Verletzung, den ersten 24 bis 48 Stunden, verlaufen die durch Eisanwendung provozierten physiologischen Wirkungen konträr zur normalen Physiologie der Wundheilung (vasculäre und zelluläre Phasen der Entzündung) und stellen somit eine Kontraindikation dar. Davon auszunehmen sind je nach Verletzungsgrad die ersten 15 bis 20 Minuten.

 Im weiteren Verlauf der Wundheilung, nach 48 bis 72 Stunden, bedeuten längere Eisapplikationen (länger als 45 Sekunden) auf jeden Fall eine Kontraindikation für die Behandlung.Diese “Statements” werden aus der Sicht normaler physiologischer Wundheilungsprozesse gemacht. Nicht berücksichtigt werden symptomatische Wirkungen wie Schmerzhemmung und Wohlbefinden.