Deister Leine Zeitung vom Freitag, den 11. August 2000

Fotos: Mießen  

Stretching - sinnvolle Gymnastik?

Physiotherapeut Hagen Kraus referierte vor einem fachkundigen Publikum

Barsinghausen (mi). Schon länger in der Diskussion steht das “Stretching". Dabei handelt es sich um Dehnungsübungen, die sowohl im Sport als auch in der krankengymnastischen Anwendung seit etwa 20 Jahren, aus Amerika kommend, auch bei uns Einzug gehalten haben. Immer häufiger hört man kritische Stimmen, so auch in einem Vortrag am Mittwoch im Barsinghäuser Aktiv Zentrum (BAZ).

Hagen Kraus, Physiotherapeut beim “Physioteam" Barsinghausen und Dozent an der Dr.-Rohrbach-Krankengymnastikschule Hannover für die Fächer Trainingslehre und funktionelle Bewegungslehre konnte vom BAZ für ein Fachreferat gewonnen werden. Zum Thema Stretching und     Koordinationstraining konnte der erfahrene Physiotherapeut sowohl aus seinem praktischen Erfahrungsschatz als auch von seinen umfangreichen Recherchen berichten.

Im ersten Teil seiner etwa zweistündigen Ausführungen befasste sich der Vortragende mit dem Stretching und bracht zum Ausdruck, dass die vor 20 Jahren begonnene Euphorie vorbei sei. Es gab und gebe keine wissenschaftliche Begründungen und belegbare Hinweise, die beweisen können, dass Stretching sowohl krankengymnastisch als auch sportlich gegenüber anderen Anwendungen Vorteile biete. Im Gegenteil, es könne bei bestimmten Anwendungen sogar schädlich sein, insbesondere, wenn der Anwender stets mit brachialen Dehnübungen bis an die Schmerzgrenze gehe.Nicht gemeint ist das kurzfristige, wohltuende “Recken und Strecken", sondern sind Dehnübungen, die länger als 25 Sekunden dauern. Eine Untersuchung der Universität Hawaii an 1500 Marathonläufern habe sogar ergeben, das stretchende Athleten verletzungsanfälliger waren als nicht stretchende.

Kraus führte an, dass üblicherweise Muskeln gedehnt werden sollen, weil zum Beispiel ein größeres Bewegungsausmaß, eine bessere Durchblutung der Muskeln oder eine Verkürzung der Erholungszeit, erreicht werden soll; aber auch um Verletzungen vorzubeugen oder zum Ausgleich muskulärer Dysbalancen.

Zu all den vorgenannten Gründen wusste Hagen Kraus eine Antwort, warum das Stretchen nichts bringt und in Einzelfällen sogar gefährlich sein kann. So entbrannten dann auch zum Teil rege Diskussionen mit den seht sachkundigen, zahlreich erschienenen Zuhörern, insbesondere Sportlern und Trainern.

Zum Thema Sportverletzungen führte Kraus aus, dass etwa 80 Prozent aller Sportverletzungen nachweislich auf eineschlechte Vorbereitung zurückzuführen sind. Dabei hat nicht Stretching, sondern das Aufwärmen kurz vor dem Wettkampf den höchsten Stellenwert.

Auch in seiner krankengymnastischen Arbeit als Phyisiotherapeut verzichtet Kraus seit längerem in Fällen muskulöser Schädigungen auf die Dehnungsgymnastik und hat damit sehr gute Erfolge, wie er unmissverständlich darlegte. Doch so ganz konnte Kraus nicht alle von seiner mutigen Theorie überzeugen.

Während die Inhaberin des BAZ, Ilona Langer-Hensel von der Meinung des Referenten überzeugt war, sah man bei ihren Trainern noch ein wenig Skepsis. Doch das “hammermäßige Stretching" wird auch im BAZ nicht praktiziert, war zu erfahren. Viel mehr wird der Aufwärmphase vor Beginn einer Trainingseinheit große Bedeutung beigemessen.

“Wenn schon gedehnt werden soll, dann nur, wenn keine Schmerzen auftreten, so lange man sich wohl fühlt dabei und dann immer auch die Gegenmuskeln kräftigen", riet Hagen Kraus den Anwesenden. 500 Prozent Verbesserung der Stoffwechselsituation erzielt man durch lockeres Schütteln der Muskeln und nicht durch Dehnung, so Kraus.

“Mir ist klar, dass ich derzeit nicht gerade die weitverbreitetste Meinung mit der Anti-Stretching-Ansicht vertrete. Doch die die behaupten, dass sie sich nach dem Stretching wohler fühlen geben nur subjektive Empfindungen wieder.

Der Placebo-Effekt spielt ein» nicht geringe Rolle", sagte der Fachmann auf dem Gebiet sinn gemäß und zitierte bekannt» Größen der Fachliteratur. We mehr darüber wissen möchte kann das im Internet unter http://www.Physio-team.com erfahren.

Im zweiten Teil seiner um fangreichen Ausführungen befasste sich Hagen Kraus mit den “Koordinationstraining", insbe sondere nach Läsionen der unteren Extremitäten und damit verbundener Gangunsicherheiten Hier wurden Hinweise gegeben um eine zügige Wiederherstellung der normalen Bewegungsmechanismen in Absprache mit dem Physiotherapeuten zu erzielen.

Ausgehend von einer Basis Übung - dem Balancieren auf einem Bein - wird die Koordination sich stetig verbessern, so das man mit verschiedenen Steigerungen der Schwierigkeitsgrad« schließlich den Erfolg selbst bestimmen kann.

In  kleinen Vorführungen konnte Hagen Kraus die Zuhörer von dem Erfolg dieser Methode überzeugen. Ausnahmslos posi- tiv war die Resonanz über dass Vorgetragene, auch wenn mn hier und da nicht einer Meinung war.